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nahid@annahita.info

ناهید باقری- گلداشمید

ناهید باقری - گلداشمید شاعره و نویسنده ی ایرانی
تولد:بیست و هشتم آذرماه هزار و سیصد و سی و هفت در محله ی قدیمی زیر بازارچه نایب السلطنه در تهران
تحصیلات: زبان و ادبیات فارسی و عربی، روزنامه نگاری
شغل: تدریس زبان و ادبیات فارسی به دانشجویان و بزرگسالان آلمانی زبان، مترجم فارسی- آلمانی، روزنامه نگار آزاد
از سال ۱۹۸۰ ساکن کشور اتریش
عضوکانون نویسندگان اتریشIG Autoren Autorinnen Österreich و عضو انجمن قلم اتریش
Der Österreichische P.E.N.-Club
دریافت جایزه ادبی Lyrik- Preis در سال ۲۰۰۱ میلادی برای سروده ی "از غربتی به غربت دیگر" از سوی انجمن اتریشی Exil. دریافت جایزه ی کتاب برگزیده ۲۰۰۹ برای رمان خاور به زبان آلمانی از سوی وزارت فرهنگ و هنر و آموزش عالی اتریش
انتشار پنج مجموعه شعر و یک رمان به زبان فارسی و آلمانی
ترجمه و نشر چندی از آثارش به زبان های آلمانی، انگلیسی، رومانی، مجاری ...
انتشار برخی از سروده هایش در بیش از بیست و پنج مجموعه" Anthologie" در کنار شاعران و نویسندگان سرشناس اتریشی و اروپایی. "زبان مقاومت چون جهان و آرزوی آن قدیمی است" یکی از این مجموعه ها است. همچنین برخی از سروده های باقری – گلداشمید در   کتاب "شعر جدید اتریش بی کلمه ای آلمانی" Neue österreichische Lyrik und kein Wort Deutsch- ۲۰۰۸
با مقدمه ای از صدراعظم اتریش دکتر هاینس فیشر Dr. Heinz Fischer
بنیان گذار "انجمن هنری- فرهنگی مرزپیما در تبعید" در سال ۲۰۰۷ میلادی
بازتاب زندگی هنری وی در فیلم Grenzgängerinnen زنان مرز پیما ۲۰۰۸ در اتریش

 

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Nahid Goldschmied
Frau Sonne
12 September 2007
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Frau Sonne
Nahid Bagheri - Goldschmied
 
Dem iranischen Exil - Lyriker, Sänger und Schauspieler Fereydun Farrokhzad gewidmet .
(Fereydun Farrokhzad hatte 1991 seine erste Rolle in dem Film „I love Vienna“ gespielt.
Er wurde 1992 in seiner Wohnung in Bonn von iranischen Geheimagenten mit 17 Stichen ermordet. Er war Opfer einer Serie von Attentaten in Europa, eben so wie der Kurdenführer Dr. Abdolrahman Ghasemlu in Wien und weitere iranische Widerstandskämpfer).
 
 
 
            In der vergangenen Nacht hat der Himmel bis in die frühen Morgenstunden geweint. Die Stadt Teheran und ihre Straßen waren alle rein gewaschen, es duftete nach Frische.
Freundlicher Sonnenschein in Begleitung einer leichten Brise, küsste Stirn und Wangen des fünften Tags im Mai.
         Es war an einem jener Begegnungs-Donnerstage, an dem wir den „Professor“ besuchten. Meine Freunde und ich benannten den iranischen Gegenwartslyriker Siavash Kasrai mit diesem Titel. (Er verstarb nach langjährigem Exil 1996 in Wien und bekam ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof.)
 
Es war die eindringlichste Zeit meiner Jugend. Sechs Monate zuvor war ich sechzehn geworden.
         An jenem Tag zog ich nach Zureden meiner Mutter ein schönes grünes Samtkleid an, das mir von unserer Familiennäherin vor kurzem genäht worden war. Obwohl ich diese Farbe besonders liebte und meine Freunde mich spaßhalber immer„ Jungfrau in Grün“ nannten, hatte ich ihnen gegenüber ein schlechtes Gewissen, ein neues Kleid zu tragen, weil einige von ihnen aus dem ärmeren Viertel in Süd Teheran kamen. Sie waren so jung wie ich, mussten aber nicht nur für ihr Taschengeld arbeiten, sondern auch ihre Familie finanziell unterstützen. Glücklicherweise hatten die kulturellen Bemühungen der Koordinatoren von Bezirks Jugendbibliotheken der Gesellschaft für die geistige Erziehung der Kinder und Jugendlichen in Teheran, mich und Nasser, Mehdi, Abbas und Behzad… zusammen geführt.
Mit einem Wissensdurst ohne Ende bereisten wir die Welt der Bücher. Wir schrieben Wandzeitungen. Wir spielten Theater…
An jenen Tagen dachten wir, die Zeit vergehe zu schnell, und wir müssten ohne sie zu verschwenden, möglichst viel Wegzehrung sammeln. Mit den Erfahrungen unserer Jugend suchten wir nach neuen Welten. Der Sport und die Wanderungen, die wir jedes Wochenende unternahmen, waren verbunden   mit Diskussionen über Bücher, die wir im Laufe der Woche gelesen hatten.
Oftmals waren, noch bevor mir die Meinung des Professors   bekannt wurde, meine Freunde die ersten Zuhörer meiner neuen Werke.
 
Das Taxi blieb bei der Kreuzung stehen. Ich schaute auf meine Uhr, hatte noch zwanzig Minuten Zeit. In einer Parallelgasse zur Wohnstraße des Professors spazierte ich etwas unruhig. Die Mappe drückte ich mit der Rechten an meine Brust und überlegte, ob heute dem Professor meine neuen Gedichte gefallen würden, oder ob er nur einige Zeilen unterstreichen würde mit der Bemerkung, diese Zeilen seien poetisch und stark. Ich musste sie üblicherweise bearbeiten und in der folgenden Woche wiederbringen.
 
         Es ging kein einziger Passant vorbei. Die Stille der Gasse wurde nur durch das Wirbeln einiger kleinen und zierlichen schwarz-weissen Katzen gestört, die miteinander spielten. Neben ihnen, im Schatten eines Baumes auf der Fußgängerzone, ruhte sich ihre zufriedene und stolze Mutter aus. Ihre Brust war voll Milch. In der Mitte der Gasse blieb ich kurz stehen. Meine Unruhe war vergessen, ich schaute mit liebevollem Lächeln zu, wie die kleinen Katzen spielten.
- „Frau Sonne! Frau Sonne! Das gehört dir! Es hat die gleiche Farbe wie dein Kleid. Nimm es!“
Der Klang einer bekannten und liebenswürdigen Stimme war plötzlich zu hören. Im Moment dachte ich, es wäre nur eine Einbildung. Aber nein, ich hörte die Stimme wiederholt und deutlich: „Frau Sonne, nimm es! Schau her! Schau her!“
Ich hatte keinen Zweifehl mehr, die Stimme war real. Ich verfolgte ihre Richtung. Schließlich landete mein Blick bei dem offenen Fenster eines Hauses gegenüber.
Überrascht wandte sich mein Blick dem freundlichen Lächeln eines Mannes zu, der neben dem Fenster stand. Er hielt ein weißes Taschentuch in der Hand und wollte es mir zuwerfen. Das Tuch war aber nicht leer. Mir war, als wäre etwas darinnen.
Wie gut und wie schnell ich dieses nette Gesicht erkannte! Es war Fereydun Farrokhzad, der namhafte Künstler in der „Silbernen Nelke“ ein viel gesehenes TV – Programm in jenen Tagen im Iran.
Ich war erstaunt und fragte mich, warum er mich mit dem Namen „Frau Sonne“ angesprochen hatte. Kannte er mich? Bis jetzt hatten mich nur meine Großmutter und der Professor „Frau Sonne“ genannt.
Ich hörte wieder seine warme Stimme:
„Lass es nicht zu Boden fallen! Ich werfe es jetzt. Fang!“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Die Schüchternheit färbte meine Wangen rosarot. Unentschlossen hob ich meine beiden Hände zu ihm auf. Den Abstand zwischen jenem Fenster, neben dem er stand, bis zu Fußgängerzone wo ich war, schätzte ich auf etwa drei Meter. Plötzlich flog das Taschentuch samt Inhalt in die Luft und landete genau in meinen Händen.
Ich wollte den Mund öffnen und etwas sagen, aber der liebenswürdige Mann verschwand lächelnd hinter dem Fenster:
„Frau Sonne! Scheine immer!“
Mein Verstand hatte noch nicht begriffen, was er mit diesem Satz vermitteln wollte. Ich schaute auf meine Uhr, um rechtzeitig im Haus des Professors zu sein. Ich hatte nur drei Minuten Zeit. Eilends ging ich an der Katzenfamilie vorbei, die sich ruhig und zufrieden im Schatten des Baumes ausruhte. Nicht einmal der Lärm meiner Schritte machte sie unruhig. Alles passierte so schnell, dass ich dachte, ich träume. Aber nein, es war kein Traum. Es war real. Ich hatte das Tuch samt seinem Inhalt in meiner Hand.
Mit meinen Fingerspitzen lüftete ich vorsichtig das Tuch. Es wurde ein grüner, großer und reifer Apfel sichtbar. Unwillkürlich nahm ich ihn zu meiner Nase und roch den Duft aller reifen Äpfel der Welt. Ich spürte ein Lächeln auf meinen Lippen.
 
Der Professor öffnete mir freundlich die Haustür. Die Freunde waren vor mir angekommen.
An jenem Tag hat jeder von uns einen Teil von diesem Apfel bekommen. Aber das weiße Taschentuch, das noch nach der Frucht und den liebenswürdigen Händen von Fereydun duftete, platzierte ich in der Tasche meines grünen Kleides.
Am Abend jenes Tages, legte ich das weiße Taschentuch in eine kleine Schachtel. Hie und da öffne ich sie noch heute und denke an das ehrliche und liebenswürdige Gesicht des Künstlers.
 
         Es vergingen einige Jahre. Die Begebenheit der katastrophalen Revolution im Jahr 1979 im Iran hatte für uns Freunde Trennungen gebracht. Einer nach dem anderen wurde verschwand aus unserem Gesichtskreis. Die Saaten unserer Jugend landeten entweder in Gärten oder in unfruchtbaren Salzwüsten. Kurz bevor ich in die Fremde gezwungen wurde, habe ich bei unserem letzten Treffen, die Freunde gebeten, auf das weiße Tuch etwas als Andenken zu schreiben.
Seit 26 Jahren bewahre ich diese kleine Schachtel wie ein Kleinod auf. Sie hat für mich den anziehenden Duft aller Gärten der Welt.
 
         1991 wurde der Film „I love Vienna“ von dem iranisch - österreichischen Regisseur Dr. Hushang Allahyari gedreht. Fereydun Farrokhzad hatte in diesem Film die Hauptrolle. Bei der Premiere waren die Schauspieler anwesend. Der liebe Fereydun Farrokhzad glänzte im Umkreis seiner Freunde. Ich stand an einer Ecke und blickte ihn leidenschaftlich an. Plötzlich wandte er seinen Blick und kam lächelnd auf mich zu.
- „ Hallo Mädchen! Wie sehr mich deine Augen an meine Schwester Forugh erinnern! „
-„ Hallo! Meinst du mich oder nur meine Augen?“
Er wurde nachdenklich, schaute mich bedeutungsvoll an und sagte:
„Ja, dich habe ich gemeint! Dich, Frau Sonne! Es sieht so aus, als ob nun meine Schwester, die iranische Gegenwartslyrikerin Forugh Farrokhzad, vor mir steht.“ (Forugh Farrokhzad ist für ihre modernen und feministischen Werke im Iran sehr bekannt.)
Was für ein Gedächtnis er hatte! Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Flüsternd antwortete ich:
„Ich bin die Sonne an der Schwelle der Abenddämmerung.“
Und darauf er:
„ Spaße nicht, Mädchen! Die Abenddämmerung ist noch weit weg von dir!“
 
         Im September 1992, als die Nachricht über das Attentat verbreitet wurde und Fereydunns Freunde und Fans in Trauer versetzte, beeilte ich mich voll Schmerz, ihn am Friedhof in Bonn zu besuchen. Die kleine Schachtel hatte ich bei mir. Ich begrüßte Fereydun und öffnete vor ihm die Schachtel. Wie Regen tropften meine Tränen auf das weiße Tuch. Die Erinnerung duftete angenehm nach Äpfel. Da stand der edle Fereydun Farrokhzad neben mir und flüsterte:
„Möge die Zeit der Tyrannei beendet sein und die Sonne aufgehen, und die Wahrheit möge im Antlitz des Volkes erstrahlen. Die Liebe sei jene Morgendämmerung, auf die wir zugehen. Aus Liebe wurde ich zur Welt gebracht. In Liebe habe ich gelebt und in Liebe gehe ich hinüber, damit das, was von mir übrig bleibt, nur Liebe ist.“
 
Wien, 2006




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