Nahid Goldschmied
Von einer Fremdheit zur anderen
03 November 2008
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Von einer Fremdheit zur anderen
Nahid Bagheri- Goldschmied
Der Abstand zwischen Mutter und Tochter:
Ein paar Winter, ein paar stille Jahre,
in denen das Mädchen
in jedem Winkel des Hauses
sich in einer Sackgasse gefunden hat.
Sehnsucht nach Flucht krallte sich
in seinen jungen Gedanken fest.
Wie träge schlich die Zeit,
wenn sich die Mutter neben der Katze
an die warmen Möbel lehnte,
zufrieden und still
auf ihr kleines Imperium herablächelte.
Sie: Die Göttin der Liebe,
der Schönheit, des Stolzes,
mit einer Papierkrone.
Ihr gesamtes Hoheitsgebiet:
Spiegel, Schlafzimmer, Küche.
Und Frühling für Frühling ist,
sobald der Geranienstock einen Riss bekam,
ihr mütterlicher Schoß fruchtbar geworden.
Jenseits der hohen Gartenmauer
die Stadt voll Festfreude
über die Regierungserklärung:
Lautsprecherwirbel,
unverschämte Verkündungen.
Die offiziellen Gesetze schlachten
die Frau zum Halbmenschen vor Gericht,
zum Halbmenschen als Augenzeugin,
die Frau zum Halbmenschen …,
die Frau, die Göttin der Liebe,
der Schönheit, der Fruchtbarkeit.
An diesem Tag bekam das Bauchfell
der Gewohnheit einen Riss.
Der Vater verstand die Zeit nicht mehr.
(Ihre Mutter ist doch nie allein verreist,
und vor ihr siebzig Großmütter hintereinander
sind nicht aus dem Haus gegangen
ohne Vater oder Mann.)
Und das Mädchen
flieht vor den Fettaugen der Küche.
An diesem Tag hat sie still vom Boden
ihren gepackten Koffer gehoben,
den ekelhaft alten, der ihr den Muffgeruch
all der Jahre in die Nase steigen ließ,
die staubigen Gedanken ihrer Geschichte,
das große Grab all der Generationen von Frauen.
Heute steht ihr Koffer auf einer Erde,
die ein Schmelztopf der Nationen ist.
Und auch hier: Gesetze, Lautsprecherwirbel:
Ausländer sind Menschen zweiter Klasse.
Wien