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Masken (Auszug aus dem unveröffentlichten Buch„Frau Sonne“) Heute ist der vierundzwanzigste Oktober. Es ist endlich vorbei. Mein Befinden ist eigenartig, ich fühle den Kampf zweier Kräfte, es zieht mich nach vorne, es zieht mich nach hinten. Mein Herz will zurück, und zugleich will es bleiben. Der Verstand sagt: Geh weg! Es ist wie am ersten Tag, als ich Persien verließ. Heute habe ich mich von meiner ersten Liebe in Wien verabschiedet. Das letzte gemeinsame Essen blieb unberührt. Wir zitterten beide, und Tränen rannen wie Bächlein über unsere Wangen. Unser Frühling war nach sieben Jahren vorbei, nun trennten sich unsere Wege zu Herbstbeginn. Ein Jahr lang hatte ich um die Scheidung gekämpft. Erst als mein Gatte meine Hartnäckigkeit erkannte, war er bedingt einverstanden. Er dachte, ich würde aus materiellen Gründen bei ihm bleiben. Er hatte sich geirrt. Ich verzichtete auf all meine Rechte. In drei Monaten werde ich dreißig. Es ist genau zwölf Jahre her, dass ich in Österreich ankam, wie zwölf schwere Bücher lasten ungeschriebene Worte auf mir. Sieben Jahre lang hatte ich mit einem Einheimischen gelebt, mein Name ist dadurch Einheimisch geworden. Ich hatte kein Problem damit. Schon als ich dreizehn war, flohen meine Gedanken über die Dächer der Welt. Meinem unüblichen Lebensweg bin ich also gewachsen. Die Bedeutung des Fremdseins war mir schon in meiner Heimat aufgegangen, damals auf Grund meines Geschlechts. Die groben Männerhände des Gesetzes hatten Mauern um mein Leben gebaut. In der Fabrik der traditionellen Bräuche wurden ständig Masken erzeugt. Finsterer Fanatismus drängte mein Ich nach innen. Dort sollte es sich verstecken und verschwinden. In jeder Ecke der Stadt wirbelten die Lautsprecher. Die vorgeschriebenen Masken wurden beworben und als selbstverständlich hingestellt. Die üblichen Masken waren: die Maske der „gehorsamen Frau“, die Maske der „treuen Frau“, die Maske der „schwachen Frau“, die Maske „Mensch zweiter Klasse“, die Maske der „Frau als Mutter“, als „gute Köchin“, als „begabte Liebhaberin“. … Wie fremd schien mir diese Welt, die aus männlichen Gedanken entstanden war. Am Tag meiner ungewollten Ausreise in andere Kulturen verließ ich das Land dieser Masken. Das nackte Ich nahm in einem Koffer platz, überschritt die Grenzen und wurde auf dem Boden dieser Stadt abgestellt. Heute ist der vierundzwanzigste Oktober. Meine Ehe ist zu Ende. Morgen, bevor ich dieses Haus verlassen, werde ich alle meine Masken verbrennen. In drei Monaten bin ich dreißig Jahre alt. Ich denke, ich kann selbst über mein Leben bestimmen. Mein Schicksal und das meines Koffers haben sich im Laufe der Zeit eng verknüpft. Schon vor sieben Jahren habe ich den Koffer in diesem Hausflur abgestellt, um mit der Wärme meiner ersten Liebe in Wien, die mich erfüllte, die Zukunft zu umarmen. Der alte Koffer auf dem Kleiderschrank hat mich jahrelang still beobachtet, als ich auf der Theaterbühne des gemeinsamen Lebens mehrmals am Tag das Gesicht wechselte und mich immer mehr von mir selbst entfernte. Mein Gatte, der Theaterregisseur, wählte meine neuen Masken nach eigener Lust und seinem Geschmack, „die Maske der gehorsamen und schönen Orientalin“, „die Maske der exquisiten Köchin“, „die Maske der perfekten Liebhaberin“, „die Maske der Privatsekretärin“, „die Maske der berufstätigen emanzipierten Frau“… Heute Abend nahm ich den Koffer herunter und wischte den Staub ab. Meine Hände zitterten, und auch mein Herz. Ich dachte: Die Masken werde ich zurücklassen, wenn ich gehe, aber was wird morgen sein? Heute sagte mein Gatte: „Du wirst das alleine nicht schaffen, deine ungelösten Probleme werden dich zermalmen.“ Darauf ich: „Warum sollte ich zermalmt werden? Ich verlasse dich, um mich und meine Arbeit zu retten. Ich muss meinem inneren Ich Raum zur Entfaltung geben. Mit meinen Problemen muss ich fertig werden.“ Ich legte die Bücher in den Koffer und küsste ein jedes wie ein heiliges Buch. Über die Jahre hatte ich den Büchern gegenüber ein schlechtes Gewissen. Jedes Mal, wenn ich eines zum Lesen aufschlug, schloss ich es voll Angst wieder. Nun brauchte ich keine Erlaubnis mehr und konnte zum ersten Mal in aller Ruhe ein Buch zu Ende lesen. Oder ich kann ein Gedicht, das ich begonnen habe, zu Ende schreiben, sogar in meinem Arbeitszimmer schlafen, ohne dass mein Gatte plötzlich im Türspalt erscheint, die Ruhe des Zimmers stört und mir schreiend Vorwürfe macht: „In diesem Haus ist das Schreiben ein Luxus… Du musst zum Psychologen gehen… Du bist ein Nachtvogel und findest keinen Schlaf…!“ Wenn er meine tränennassen Augen sieht, sagt er: „Ich bin außer mir, du Verrückte, ich liebe dich! Ich bin auf dieses Zimmer, auf diese Bücher, auf deine halbfertigen Gedichte und auf alles, was dich von mir trennt, eifersüchtig. Mit hinuntergeschluckter Wut, sage ich: „Was für ein Intellektueller bist du mit solchen Gedanken! Bis du dieselbe Person, die am Anfang unserer Bekanntschaft stolz darauf war, dass ich schreibe?“ Er antwortet nicht und starrte mich wortlos an. Ich wünschte, er hätte wenigstens ein Mal etwas von mir gelesen und sich die Mühe gegeben, sich in mich einzufühlen. Ich werde nie vergessen, dass sein erstes Geschenk für mich eine Küchenschürze war. Und noch sieben Jahre danach wurde bei jedem Familientreffen meine Kochkunst diskutiert und gerühmt. Ach, wie verabscheue ich das fette Gesicht der Küche und all Schmeicheleien über die gute Köchin! Und wie verabscheute ich den Lärm von Messern und Gabeln am Esstisch in Gesellschaft ungewollter, gefräßiger Gäste. Morgen früh werde ich für immer dieses Haus verlassen, das von mir nicht ausgewählt und nicht für mich eingerichtet worden ist. Vom Arbeitszimmer werde ich mich verabschieden, das jede Mitternacht, sobald mein Gatte schlief, mein Gastgeber war, Abschied nehme ich von einem Schreibtisch, auf dem so selten ein Schriftstück in Ruhe fertig gestellt werden konnte. Morgen früh werde ich vor dem Haus, im herbstlichen Garten, mit gelben und trockenen Blättern ein Feuer entfachen, alle Masken verbrennen und die Asche in den Herbstwind streuen. Morgen bin ich frei, frei für Gedichte und Bücher, die ich lesen , die ich schreiben werde. Morgen, morgen… Wien |