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nahid@annahita.info

ناهید باقری- گلداشمید

ناهید باقری - گلداشمید شاعره و نویسنده ی ایرانی
تولد:بیست و هشتم آذرماه هزار و سیصد و سی و هفت در محله ی قدیمی زیر بازارچه نایب السلطنه در تهران
تحصیلات: زبان و ادبیات فارسی و عربی، روزنامه نگاری
شغل: تدریس زبان و ادبیات فارسی به دانشجویان و بزرگسالان آلمانی زبان، مترجم فارسی- آلمانی، روزنامه نگار آزاد
از سال ۱۹۸۰ ساکن کشور اتریش
عضوکانون نویسندگان اتریشIG Autoren Autorinnen Österreich و عضو انجمن قلم اتریش
Der Österreichische P.E.N.-Club
دریافت جایزه ادبی Lyrik- Preis در سال ۲۰۰۱ میلادی برای سروده ی "از غربتی به غربت دیگر" از سوی انجمن اتریشی Exil. دریافت جایزه ی کتاب برگزیده ۲۰۰۹ برای رمان خاور به زبان آلمانی از سوی وزارت فرهنگ و هنر و آموزش عالی اتریش
انتشار پنج مجموعه شعر و یک رمان به زبان فارسی و آلمانی
ترجمه و نشر چندی از آثارش به زبان های آلمانی، انگلیسی، رومانی، مجاری ...
انتشار برخی از سروده هایش در بیش از بیست و پنج مجموعه" Anthologie" در کنار شاعران و نویسندگان سرشناس اتریشی و اروپایی. "زبان مقاومت چون جهان و آرزوی آن قدیمی است" یکی از این مجموعه ها است. همچنین برخی از سروده های باقری – گلداشمید در   کتاب "شعر جدید اتریش بی کلمه ای آلمانی" Neue österreichische Lyrik und kein Wort Deutsch- ۲۰۰۸
با مقدمه ای از صدراعظم اتریش دکتر هاینس فیشر Dr. Heinz Fischer
بنیان گذار "انجمن هنری- فرهنگی مرزپیما در تبعید" در سال ۲۰۰۷ میلادی
بازتاب زندگی هنری وی در فیلم Grenzgängerinnen زنان مرز پیما ۲۰۰۸ در اتریش

 

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Nahid Goldschmied
Heilige islamische Trauerfeier
07 October 2009
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Heilige islamische Trauerfeier
Nahid Bagheri- Goldschmied
 
Auszug aus dem Roman Chawar
 
 
An jenem Tag herrschte im Landhaus Khan Mohammads rege Geschäftigkeit. Am frühen Morgen schon war den Männern des Dorfes aufgetragen worden, Lämmer von der Weide zu holen und zu schlachten. Jeder kam nun, ein großes Messingtablett mit Fleischstücken auf dem Kopf tragend. Die Männer luden das Fleisch in der Küche ab. Vier Frauen aus dem Dorf waren von Khan Mohammad in die Küche befohlen worden. Auch Leila, die schwangere Hausbesorgerin, werkte neben dem Herd, in dem ein Holzfeuer brannte. Schwitzend und ganz rot im Gesicht, reinigte sie den Reis und schüttete ihn in einen großen Topf voll kochenden Wassers. Einige Mächen, unter ihnen Leilas Tochter Mandegar, waren zwischen dem Haus und der Quelle unterwegs. Im Abstand von wenigen Minuten trafen sie mit vollen Wasserkrügen ein. In der Küche leerten sie das Wasser in ein große Tonne im Eck. Dann liefen sie in nassen Kleidern wieder zur Quelle.
Offen standen nun die Eingangstüren zu dem großen Gästezimmer in der Mitte des Hauses. Das Zimmer war durch große Vorhänge in zwei Räume getrennt, handgewebte Vorhänge, bemalt mit Figuren aus dem Buch "Schahname" (den Königsbriefen), dem Meisterwerk des altpersischen Dichters Ferdusi. Ein Raum war den Frauen, einer den Männern vorbehalten. Auf den Böden lagen Teppiche mit Isfahan- und Ghom-Mustern. Die Holzläden vor den sechs kleinen Fenstern waren geöffnet, die Kaschmirvorhänge zurückgezogen, das polierte Silber der Gefäße auf den Regalen glänzte. Das Esstuch, auch mit Miniaturen bemalt, war ausgebreitet; auf ihm Porzellanteller, Gläser, Salatschüsseln, Besteck, Krüge mit Dugh, dem Joghurtgetränk. Rund um das Tischtuch waren Matratzen angeordnet, darauf wieder Teppiche, daneben Messingständer mit Wasserschüsseln und Wassergefäßen. Der kühle Hauch des Morgens und der Duft von Reis, Lammbraten und Kümmel durchwehte die Räume.
 
Im Wohnzimmer kniete Khanomjan, die erste Frau des Khan Mohammad, auf dem Gebetsteppich, den Blick nach Mekka gerichtet. Sie war schwarz gekleidet und trug auf dem Kopf ein schwarzes Spitzentuch. Das Gebetbuch in der Hand las sie eine zu diesem heiligen Tag, dem zehnten im islamischen Monat Moharram, dem Todestag des Imam Hussein, passende Sure.
Khan Mohammads zweite Frau, Setareh, zog sich in einem anderen Zimmer um. Als sie sich schwarz gekleidet im Spiegel sah, wurde sie traurig, das alles erinnerte sie an ein Begräbnis, eine Trauerfeier. Jedes Jahr sollte sie sich während der Trauertage im Monat Moharram und insbesondere an dem Tag, an dem Khan Mohammad die Armen ausspeiste, in vornehmes Schwarz kleiden. Die Armen sollten glauben, die Familie des Khans sei tief religiös und halte fest an den islamischen Traditionen. Setareh tat dies mit unterdrückter Wut nur Khan Mohammad zuliebe. Als ihr Vater gestorben war, hatte ihre Mutter ein Jahr lang schwarz getragen, Setareh jedoch nur einen Monat, obwohl sie ihren Vater geliebt hatte. Sie behauptete, dass sie im Herzen immer bei ihrem Vater sei und dies nicht durch schwarze Kleidung zur Schau stellen müsse.
 
Chawar, die einzige Enkelin des Khans, stand am Fenster des Wohnzimmers und beobachtete die Leuten, die eilig zum Anwesen ihres Großvaters unterwegs waren. Vor dem Haustor plagten sich zwei Frauen aus dem Dorf. Sie kehrten und wuschen den Boden. Die eine Frau trug ein kleines Kind auf dem Rücken, es weinte laut und ununterbrochen. Die Mutter reagierte nicht darauf, arbeitete schwitzend und keuchend weiter.
Chawar hörte Männerstimmen, die sich rasch näherten. Es war ihr Großvater mit zwei Männern, die sie kannte. Der eine war Pahlewan, der hier in Rahkenar für den Khan tätig war. Er hauste neben dem Fluss. Jeden Monat hatte er von den Bauern die Pacht einzutreiben, alle drei Monate berichtete er seinem Herrn nach Teheran. Der andere Mann war Seyed, der Mullah des Dorfes. Er hatte großen Einfluss. Die Dorfbewohner respektierten ihn. Wer eine Dauer-Ehe oder eine Zeit-Ehe schließen oder für seinen Sohn eine Beschneidungsfeier veranstalten wollte, kam einige Tage vor dem Anlass zu ihm und brachte Geschenke, Reis, Süßigkeiten, Würfelzucker und Mehl. Plaudernd stiegen die Männer die Treppe zum Balkon hinauf.
In einer Ecke des Männerraums thronte auf einem niedrigen Tischchen ein silberner russischer Samowar, auf dem Samowar stand eine große Teekanne, geschmückt mit einem Abbild des persischen Schah Nasreddin, daneben saß Schir Ali, der Hausbesorger, in dunklem Hemd. Er hatte die Aufgabe, den Gästen Tee einzuschenken. Khan Mohammad und die anderen zwei Männer nahmen an der Stirnseite des Raumes auf einer Matratze Platz. Nacheinander traten die Gäste ein, bald waren alle Sitzplätze besetzt.
Auch im Frauenraum gab es Bewegung. Hier saßen Khanomjan, Setareh und Chawar an der Stirnseite des Raumes und hatten sozusagen den Vorsitz inne. Schwarzgekleidete Frauen traten, eine nach der anderen, ein. Gegen zehn Uhr begann Mullah Seyed im Männerraum Gebete vorzulesen. Wer lesen konnte, hatte ein Gebetbuch in der Hand und las mit. Die Analphabeten hörten bloß zu. Bei den Aschuragebeten, den zehn Trauergebten, begannen alle zu weinen. Seyed saß gleich neben dem Vorhang, der die beiden Räume trennte, so konnten ihn auch die Frauen gut hören, wie er über den Imam Hussein, seine Kriege gegen die Gottlosen und seine Tapferkeit für den Islam erzählte. Dann kam er zu der Stelle, wo vom Tod des Imam und der Seinen in der Schlacht von Kerbela berichtet wird.
Die Männer weinten still vor sich hin, die Frauen laut schluchzend. Jeder dachte dabei an seine eigenen Sorgen. Ein Hirte erinnerte sich an die Kuh, die an einem Herbsttag im Gebirge abgestürzt war. Ein Feldarbeiter weinte wegen seiner Kinderlosigkeit, und dass er keine Erben bekommen würde.
Khanomjan fragte unter Tränen murmelnd ihren Gott, warum sie trotz ihres Alters noch zwei Frauen in ihrer Ehe und ihrem Haushalt ertragen müsse. Auch die zweite Frau, Setareh, neben ihr, weinte und dachte an ihr unglückliches Leben.
Seyeds Stimme wurde jetzt noch eindringlicher, und die Anwesenden, die sich durch seine Erzählungen auf das Schlachtfeld und zu dem Märtyrertod des Imam Hussein zurückversetzt fühlten, weinten lauter und beklagten ihr eigenes Leben als ein trauriges Schlachtfeld. Sie hatten Mitleid mit sich selber.
Beide Räume waren voller Gäste. Aber noch mehr Leute standen vor dem Haustor, im Hof und auf dem Balkon vor verschlossenen Türen. Mit leeren Töpfen warteten sie auf die Speise. Aber auch die Leute in den Zimmern hatten Hunger und hofften, dass Seyed bald zu einem Ende käme. Gegen Mittag war er mit dem Gebet fertig, und die Speisen wurden aufgetragen. Die Leute, die draußen standen, füllten ihre Töpfe und trugen sie nach Hause. Das ganze Dorf duftete nach Reis und frisch gebratenem Lamm.
 
Die Wanduhr schlug vier Mal. Der heilige Trauerfeiertag war zu Ende. Die Gäste hatten sich satt gegessen und waren gegangen. In Khan Mohammads Zimmer war es verraucht. Es duftete nach Opium. Der Khan saß mit dem Mullah Seyed und dem Verwalter. Sie zogen der Reihe nach den Rauch der Opiumpfeife ein und plauderten. Erst zwei Stunden später, als Seyed und Pahlewan Khan Mohammads Gastfreundschaft genossen und genug Opium geraucht hatten, verabschiedeten sie sich.
Chawar, die müde und überreizt am Fenster stand und die letzten Gäste gehen sah, hörte die Frauen in der Küche lärmend das Geschirr abwaschen. Einige von ihnen reinigten die Gästezimmer.
Beim Staubaufwischen schrie eine Frau plötzlich auf: Sie hatte einen Riss im Teppich entdeckt. Alle erschraken und bekamen Angst, sie schrieen wild durcheinander.
"Welcher Gottlose hat das getan?"
"Gott möge uns behüten vor Khan Mohammads Verdacht und Rache!"
"Er glaubt sicher, wir hätten das gemacht."
"Wie konnte einer als Gast hier her kommen, speisen und dann den Teppich zerstören?"
Die Frauen, blass geworden, hörten auf zu arbeiten. Khan Mohammad fühlte sich durch das Geschrei gestört und wurde missmutig. Sein Rausch verflüchtigte sich. Wütend ging er in das Gästezimmer und brüllte.
"Ihr habt Fleisch gegessen und seid rasend geworden! Was ist hier los?"
Alle erstarrten auf ihren Plätzen, waren vor Angst wie gelähmt, brachten den Mund nicht auf. Schließlich sprach Leila.
"Herr! Ein unehrlicher Mensch hat diesen Teppich mit einem Messer zerschnitten!"
"Teppich? Welchen Teppich? ", schrie wütend Khan Mohammad.
Leila zeigte auf den zerstörten Teppich. "Hier, schauen Sie sich das an!"
Mandegar, die ängstlich am Fenster gelehnt hatte, kam einige Schritte näher, um ihrer Mutter beizustehen. "Jemand hat mit einem scharfen Messer den Teppich zerschnitten", erklärte sie, "man sieht es sofort. Schauen Sie!"
Zornig ging Khan Mohammad auf sie zu, zerrte an ihrem Haar und wickelte es um seine Hand.
"Halte du den Mund, Bastard! Zigeunerkind! Hurentochter!"
Und zu Leila gewandt: "Ja, deine Mutter! Sie glaubt, es genügt, die Beine breit zu machen und ein Kind zu bekommen. Das ist keine Kunst! Von Erziehung hat sie keine Ahnung!"
Mandegars Kopfhaut brannte. Eingeschüchtert schwieg sie. Tränen traten ihr in die Augen. Leila, die in einer Ecke stand, konnte weder sprechen noch zuschauen. Sie schlug sich ins Gesicht, stürzte zu Boden und war bewusstlos.
Die Frauen wollten ihr helfen. Khan Mohammad, der Leila beobachtete, lockerte seinen Griff. Dadurch wurde Mandegars langes , goldenes Haar frei. Khan Mohammads Hand fiel herab und strich dabei wie zufällig über die Mandegars kleine Brüste. Über seim wutverzerrtes Gesicht zog ein Schimmer von Sinnlichkeit.
Der Khan hatte bei dem Mädchen schon öfter so ein Gefühl gehabt und nur auf die richtige Gelegenheit gewartet. Jetzt war sie da. Das Mädchen mußte bestraft werden. Er befahl Mandegar, in sein Zimmer zu gehen. Dann schlug er die Tür zu und folgte ihr in dem verrauchten Raum, im dem es nach Opium roch.
 
Vom Gipfel des Azadkuh wehte eisiger Wind. Im Tal standen die hohen weißstämmigen Pappeln blätterlos nackt, bedeckt mit Reif. Die Pappeln wärmten sich vielleicht am Traum von der Frühlingssonne und ließen nicht zu, dass ihr Saft in der Kälte stockte. Auf ihrer Rinde würde der peitschende Wind keine Wunden hinterlassen. Unten an den Wurzeln war die Erde noch feucht, und auf den Schlinggewächsen, die von einer dünnen Eisschicht überzogen waren, gab es Spuren von Tau.
Bei den Bäumen mündete eine kleiner, roter Bach in den nebelverhangenen Fluss. Er war von Blut gefärbt, aber das dauerte nicht lange .
Leute aus dem Dorf suchten das Flussufer ab. Sie trugen Laternen.   Anmdere stießen aus dem Dorf dazu, rieben sich den Schlaf aus den Augen. Schatten huschten von Haus zu Haus, sammelten sich auf dem gefrorenen Feld, das unter zornigem Murren erbebte.
Stunden zuvor hatte die Nacht, ein Wolf, ein Mädchen mit sich genommen, war mit ihm in der Dunkelheit verschwunden. Leila, hochschwanger, barfuß, in zerrissenem Kleid, war wie eine Verrückte durch die Gassen gelaufen. Sie war bei der Quelle gewesen und zurück gekommen. Nun rannte sie zum Fluss, zum Feld, auf den Berg, und überall rief sie den Namen ihrer Tochter.
Schir Ali saß verzweifelt auf dem Balkon. Neben ihm lagen seine Krücken auf dem Boden, zwei unbrauchbare Holzstücke. Die Männer des Dorfes gingen weiter den Fluss entlang. Über ihnen stand mächtig und ungerührt der Berg Azadkuh. Unter den Pappeln fanden sie ein Stück Sonne, Mandegars goldenes Haar, eingehüllt in ein Leichentuch aus durchscheinendem Eis. Daneben verstreut die Scherben eines zerbrochenen Wasserkruges.
Die Leute berichteten einander von dieser Katastrophe. Gendarmen kamen ins Dorf und brachten die Leiche in die nächste Stadt, um sie untersuchen zu lassen.
Einige Tage später wurde bekannt, dass der Arzt Selbstmord festgestellt hatte. Mandegar war im vierten Monat schwanger gewesen. Dies war das Andenken an ein Verbrechen, das der alte Khan Mohammad nach der heiligen islamischen Trauerfeier an dem Mädchen begangen hatte.
 
 




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