Nahid Goldschmied
Hinter Gittern
18 December 2006
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Hinter Gittern
Nahid Bagheri – Goldschmied
Um mich nicht zu verspäten, habe ich die ganze Nacht nicht geschlafen. Die Adresse liegt auf der anderen Seite der Stadt. Meine Betreuerin am Arbeitsamt Frau B. hat einen Termin bei der Psychologin vereinbart, pünktlich um acht Uhr. Ich bemühe mich, sie zu überzeugen, dass mein Problem nicht psychisch ist, sondern in allgemeinen gesellschaftlichen Zusammenhängen wurzelt. Dafür hat sie aber kein Verständnis.
Frau B. hat blaue Augen ohne Seele - ihr hageres und knochiges Antlitz ist so weiß, dass man glaubt, es sei blutleer. Wenn ich ihr gegenüber sitze, sieht sie mir nie in die Augen. Sie lässt mich nie zu Wort kommen. Frau B. tut ihre Pflicht wie ein vorprogrammierter Roboter. Vielleicht lehnt sie mein „exotisches“ Aussehen ab, wenn ich ein Mal im Monat bei ihr vorspreche, um die Karte abzustempeln und den nächsten Termin zu fixieren. Sogar für diese zweiminütigen Treffen lässt sie mich eine Stunde lang vor geschlossener Türe warten. Für Frau B. bin ich eine abgegriffene Karte mit einer Nummer.
Ihr Zimmer duftet nach Kampfer. Um ihren Arbeitstisch brennen Kerzen in weiß, gelb und orange - wie in einem Leichenhaus. Dadurch wird mir die Freude am Leben und Existieren genommen. Jedes Mal verlasse ich das Zimmer niedergeschlagen und wünsche mir keine weitere Begegnung mit Frau B.
Es ist fünf Minuten vor acht Uhr. Ich frage den Portier, wo das Büro ist. Ich gehe durch ein Gewirr von Gängen – ein Labyrinth und bleibe vor einem Büroschild stehen. Die Tür ist offen, es duftet nach Kaffee. Eine junge Dame mit schläfrigen Augen sitzt an ihrem Schreibtisch. Sie sieht mich an die Türspalte und sagt, die Ärztin sei noch nicht da. Auf dem Gang müsse ich warten.
Auf einem unbequemen Holzstuhl nehme ich Platz. Außer mir ist niemand da. Die Augenlider sind schwer, mit Mühe halte ich sie offen. Am ganzen Körper spüre ich Müdigkeit und Kälte. Ich beschäftige mich mit einem Buch. Endlich werde ich von der Ärztin aufgerufen – es ist neun Uhr. Ich klopfe an die Tür und trete ein.
Hinter ihrem Schreibtisch beantwortet Frau Dr. K. meinen Gruß, mustert mich mit scheinheiligem Lächeln von Kopf bis Fuß und bietet mir an, Platz zu nehmen. In meinen Augen wirkt sie sehr jung. Vielleicht sammelt sie ihre ersten Arbeitserfahrungen.
- Oh, nach Ihrem Aussehen sind Sie nicht hier geboren! Warum wollen Sie nicht arbeiten?!
- Geboren bin ich nicht hier, aber mehr als die Hälfte meines Lebens habe ich hier verbracht. Ich arbeite mehr als fünfzehn Stunden am Tag.
Frau Dr. K. senkt den Blick und sagt in vorwurfsvollem Ton:
„Warum hat man Sie zu mir geschickt, wenn Sie ohnehin arbeiten?! Fälle wie Sie gibt es genug. Sie ziehen herum und nützen unsere sozialen Möglichkeiten aus. Ihr Deutsch ist gut. Wie viele Jahre Ihres Lebens haben Sie hinter Gittern verbracht- weswegen?!“
Erstaunt und zornig betrachte ich sie und sage:
„Ich habe nie gegen Gesetze verstoßen, nie war ich im Gefängnis. Schriftstellerin zu sein ist meine einzige Schuld. Dort wo ich geboren bin, gibt es jetzt keine Meinungsfreiheit, und Schriftsteller werden mit Gefängnis bedroht. In Ihrem Land gibt es Freiheit. Autoren werden mit Brotlosigkeit bestraft.“
Wien, Dez. 2006