Nahid Goldschmied
Rosemarie Schulak über Chawar
10 February 2010

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 Mit Band 3
der neuen Buchreihe "anders erinnern" hat der Verlag der Theodor
Kramer Gesellschaft einen der vorderen Plätze im Wiener Buchhandel erreicht. Die seit 1980
in Wien lebende iranische Schriftstellerin und Lyrikerin Nahid Bagheri-
Goldschmied trifft mit ihrem zeitgeschichtlich aktuellen Thema auf eine
literarische Lücke, gewährt in fesselnder Weise Einblick in die Lebenswelt, in
das Lebensgefühl und die verschiedenen politischen Intentionen der Teheraner
Gesellschaft. Von familiärem Alltag wird erzählt, von Männern, Frauen und
religiösen Festen; vom Arbeitseifer in Schulen, Bibliotheken und an der
Universität. Zur Sprache kommen aber auch die überaus harten Gefängnisstrafen
für Regimekritiker und ein schmerzlicher Weg ins Exil. "Entwicklungsroman
im besten Sinn", nennt H. W. Käfer in seinem Nachwort Nahid Bagheri-Goldschmieds
wichtiges Werk, die atemberaubende Geschichte des Mädchens Chawar
und ihrer patriarchalischen Großfamilie, ihren Weg vom aufmerksamen, sensiblen
Kind bis hin zur engagierten Studentin und schließlich erwachsenen,
verantwortlich handelnden jungen Frau. Vor dem Hintergrund einer jahrzehntelang
tragisch problembeladenen politischen Entwicklung, angefangen vom Schah-Regime
bis zur Proklamation der Islamischen Republik, öffnet die Erzählerin mit dieser
gelungenen Übersetzung ihres Romans dem europäischen Leser Fenster zu einer
Welt, deren Leben ihm unbekannt ist, vielen ja kaum erahnbar;
nun aber durch zahlreiche feine, nur scheinbar nebensächliche Details,
plötzlich lebendig wird und
menschlich berührt. Die Kraft des Erzählstroms reicht aus, um Haltung und
Handlungen der straff gezeichneten Figuren deutlich und nachvollziehbar zu
machen, auch deren Umgang mit den Wechselfällen der Zeit, mit Schicksalsschlägen
und politischen Gegebenheiten samt Widerstand und Revolution. Oft gelingt das
mit Hilfe kurzer, geschickt eingefügter Dialoge oder kleinteiliger Beschreibung
häuslicher und schulischer Atmosphäre, mit der Darstellung des Ablaufs von
Festen und religiösem Brauchtum. Was in so weiter Ferne liegt, in den Stunden
des Lesens rückt es ganz nah. Nahid Bagheri-Goldschmied hat mit der Übersetzung
ihres Hauptwerkes eine wichtige - vielleicht die wichtigste Aufgabe der
Literatur überhaupt - erfüllt: Brücke zu sein zwischen anderen Ufern, anderen
Bedingungen, Lebensformen, Möglichkeiten; und allzu krasser Unkenntnis samt
daraus entstehenden Fremdheitsgefühlen zwischen Mensch und Mensch tapfer
entgegenzuwirken. Darüber hinaus erhält der Leser wertvolle Anreize zur
Beschäftigung mit der Geschichte des mittleren und nahen Ostens sowie den
vielen Besonderheiten einer uralten, durch arabische Einflüsse jahrhundertelang
überformten Kultur. Rosemarie Schulak  Wien, im
Dezember 2009 





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